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In jüngster Zeit hat in
Österreich und anderen europäischen Staaten die negative
Einstellung gegenüber dem Islam und seinem Gründer weitere
Kreise erfasst und auch vor der Politik nicht Halt gemacht. Es
sind dies sehr gefährliche Vorboten, und wenn diese
Entwicklung so weitergehen sollte, wird der Dialog vom
Konflikt verdrängt, was bei den Muslimen in Europa zu
wachsender Sorge führen wird.
Durch die Überbetonung
der religiösen Orientierung des Menschen sowie die ständige
Beschäftigung mit den religiösen Symbolen werden nur Hass und
Zwietracht gesät, und das ist der erste Schritt zum
Terrorismus. Wir im Irak haben damit bittere Erfahrungen
gemacht. Am Anfang stand die Verbreitung des geistigen
Terrorismus durch Prediger und Politiker, und schließlich hat
sich Mord und Totschlag in der Gesellschaft ausgebreitet und
unzählige unschuldige Opfer gefordert.
Ich möchte darauf
hinweisen, meine Damen und Herren, dass derart
unverantwortliche Äußerungen, wie wir sie in der jüngsten
Vergangenheit erlebt haben, nur Hass und Ablehnung bei den
weltweit 1,2 Milliarden Muslimen schüren und den Terroristen
weiteren Zulauf bescheren, insbesondere in unserer
hochtechnisierten Zeit, in der antiwestliche Propaganda in
Sekundenschnelle verbreitet werden kann. Gerade in dieser Zeit
brauchen wir mehr Möglichkeiten zur Begegnung, um diesem
Gedankengut entgegenzuwirken und die Menschheit vor den
Zerstörern zu retten.
Ich bin optimistisch,
dass Veranstaltungen wie diese Konferenz wesentlich dazu
beitragen werden, diese Probleme zu behandeln und die
verschiedenen Standpunkte einander näher zu bringen, und ich
möchte die Gelegenheit ergreifen, um auf einige wesentliche
Punkte näher einzugehen.
1.
Die Wurzeln der
Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen
Über dieses Thema zu
sprechen erfordert lange und gründliche Forschungsarbeit und
Auseinandersetzung mit der Geschichte, denn hier stehen
einander zwei große ideologische Systeme gegenüber, die
wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der menschlichen
Zivilisation hatten. Über 1200 Jahre lang haben sie sich in
der Führungsrolle abgewechselt und oftmals zusammengearbeitet.
Die Kulturen haben sich durch den Austausch der Wissenschaften
verwoben, und wir dürfen auch nicht vergessen, welch wichtige
Rolle die Muslime bei der Ausbreitung der Zivilisation
gespielt haben. Sie brachten nicht nur die griechische Kultur
in den Westen, sondern es gingen auch zahlreiche Gelehrte aus
ihren Reihen hervor. Erwähnt seien hier beispielsweise
Avicenna, die Philosophen Al-Farabi und Mulla Sadra sowie der
Universalgelehrte Al-Biruni. Diese und viele andere haben
wesentlich zur Entwicklung der westlichen Kultur in
verschiedenen Bereichen beigetragen. Avicenna wird
beispielsweise im Westen noch immer als Arzt aller Ärzte
angesehen.
Ich werde niemals die
erste Vorlesung vergessen, die ich an der technischen Fakultät
der Universität Wien besucht habe. Gleich am Anfang seines
Vortrags erwähnte der Professor den arabisch-islamischen
Gelehrten Al-Charazmi und seine herausragende Bedeutung im
Gebiet der Mathematik, insbesondere der Algebra. Dann übernahm
der Westen die Vorreiterrolle, und nunmehr erfolgt der
Know-how-Transfer von Westen nach Osten. Dadurch haben sich
die beiden Zivilisationen weiter einander angenähert, die
Wissenschaft und die Humanität der Menschen haben neuerlich
Brücken geschlagen. Darüber hinaus gibt es auch eine enge
Zusammenarbeit in den
Bereichen Wirtschaft, Handel und Tourismus, der eine besondere
Rolle bei der Annäherung der Standpunkte spielt.
2.
Islam und Muslime in der
Sicht des Westens und umgekehrt
Es gibt vollkommen
unterschiedliche Sichtweisen im Hinblick auf die Muslime, vor
allem was die im Westen lebenden betrifft, und den Islam im
Allgemeinen. Ich möchte auf einige allgemeine Punkte eingehen.
Auf ideologischer Ebene
wird dem Islam vorgeworfen, er konzentriere sich auf Gewalt,
Rache und Vergeltung. Daneben gibt es die direkten Angriffe
auf den Propheten, der als hysterischer Dichter dargestellt
wird, der Tatsachen verdreht habe und dessen Aussprüche
(Hadith) nicht auf Tatsachen beruhen. Von Zeit zu Zeit aber
finden wir unter den westlichen Publikationen auch Bücher, in
denen der Prophet objektiv dargestellt wird und seine Spuren,
die er in der Geschichte der Menschheit hinterlassen hat,
gewürdigt werden. Der amerikanische Astronom und Historiker
Michael H. Hart beispielsweise führt in seinem Werk „Die 100
einflussreichsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte“
hundert herausragende Gelehrte an, die seiner Meinung nach
großen Einfluss auf den Verlauf der Menschheitsgeschichte
hatten, und an der Spitze dieser Liste, an erster Stelle,
nennt er den Propheten Muhammad. Er führt dazu aus: „Ich habe
Muhammad an die erste Stelle gestellt, und diese Wahl wird
zweifellos viele Menschen verwundern. Sie sind auch zu recht
verwundert, doch Muhammad ist der einzige Mensch in der
Geschichte, der sowohl in religiöser als auch in weltlicher
Hinsicht absolut erfolgreich war. Er hat den Islam begründet
und praktisch alleine verbreitet, und entwickelte sich zudem
zu einem politischen, militärischen und religiösen Führer.
1300 Jahre nach seinem Tod ist sein Einfluss nach wie vor
ungebrochen.“
Auf kultureller Ebene
finden wir die orientalische Malerei, die von der Leere des
Islam spricht, und das islamische Erbe wird als Frucht des
griechischen, christlichen und jüdischen Erbes angesehen.
Sogar die islamischen Wissenschaften suchen die Wurzeln bei
der Römern und Sassaniden. Wie dem auch sei, jedenfalls haben
die Muslime die griechische Kultur in den Westen gebracht.
Die Rückständigkeit der
Muslime ist ein schwacher Punkt, sie wird vom Westen gerne
abfällig bewertet und einerseits dem fatalistischen Glauben,
andererseits den herrschenden diktatorischen Regimen mit ihren
Menschenrechtsverletzungen zugeschrieben. Es fällt schwer,
über die Rückständigkeit der Muslime zu sprechen. Sie
begründet sich in der Herrschaft einer Mentalität, die vom
Islam weit entfernt ist, sowohl auf Staatsebene als auch bei
Einzelpersonen.
Auf politischer Ebene
sind die Muslime und der Islam dem Verdacht ausgesetzt, eine
Quelle des Terrorismus zu sein, und das islamische Bewusstsein
ist in der Tat – wie man sagt – ein fruchtbarer Boden für den
Terror. Deshalb ist es absolut notwendig, diesem Bewusstsein
in allen Bereichen entgegenzuwirken.
Im Gegenzug haben
auch die Muslime ihre eigene Sicht des Westens:
Auf ideologischer Ebene
halten sie die Menschen im Westen für Polytheisten, weil diese
Jesus Christus für einen Gott halten. Im Hinblick auf die
Zivilisation herrscht die Ansicht, dass der Westen trotz aller
Fortschritte in der Vergangenheit die Menschlichkeit verloren
hat. Er eignet sich lediglich die Errungenschaften anderer
Zivilisationen an und drückt jeder Kultur, bedingt durch die
unbegrenzten Möglichkeiten, seinen eigenen Stempel auf. Ein
Beispiel dafür ist die westliche Konzeption der
Menschenrechte, die auf alle Bereiche in den Ländern der
dritten Welt umgelegt werden, auch auf das Familienleben, was
oftmals negative Auswirkungen auf die gesellschaftlichen
Beziehungen hat. Darüber hinaus glauben die Muslime, dass der
Westen mit seiner Betonung des Individualismus die Habgier
fördert und die Moral vernachlässigt. Eine bekannte Folge
davon war der Kolonialismus.
Auf politischer Ebene
sehen die Muslime vor allem das Leid, das sie durch den
westlichen Kolonialismus erdulden mussten, und sind der
Ansicht, dass diese Ära noch nicht abgeschlossen ist. Zudem
sind sie der Ansicht, dass sich der Westen den Islam als neues
Feindbild erkoren hat, nachdem ihm sein altes Feindbild, der
Kommunismus, abhanden gekommen ist. Im Lichte dieser
Vorstellungen werden immer wieder Stimmen laut, die zum Kampf
der Kulturen aufrufen. Die Tatsache, dass der Islam pauschal
des Terrors verdächtigt wird, empört die Muslime und führt zu
Hass und Ablehnung und in letzter Konsequenz zum Terror, und
Terror erzeugt weiteren Terror. Wir leben im 21. Jahrhundert
und sollten eigentlich die dunklen Zeiten der Geschichte
überwunden haben, doch bedauerlicherweise kommen wieder die
Hetzer an die Oberfläche, die neuerlich zum Kampf aufrufen.
Das ist beschämend.
Trotz aller Rufe zum
Kampf bleibt der Dialog der einzig richtige und
erfolgversprechende Weg, denn Verständigung ist nur durch
gegenseitiges Verständnis möglich. Jede der beiden Seiten muss
ihr Bild von der anderen Seite korrigieren, die Kräfte der
Verständigung fördern und im Gegenzug die negativen Kräfte
eindämmen, bevor sich die Lage noch weiter zuspitzt.
3.
Die Muslime in
Österreich und anderen europäischen Ländern
Der Islam ist in
Österreich seit langem verwurzelt. Er wurde im Jahr 1912
gesetzlich als Religionsgemeinschaft anerkannt. Das Gesetz
wurde von Kaiser Franz Josef unterzeichnet und am 9. August
1912, nachdem es vom Parlament verabschiedet worden war, im
Reichsgesetzblatt eingetragen.
Die 400.000 Muslime
bilden in Österreich die zweitstärkste Glaubensgruppe nach den
katholischen Christen. Diese Tatsache ist vielen Menschen
nicht bewusst. In der Europäischen Union leben über 15
Millionen Muslime, das heißt, sie sind ein untrennbarer Teil
der europäischen Gesellschaft geworden. Sie haben dieselben
Wünsche und Sorgen wie alle anderen und spielen ihre Rolle in
allen Bereichen der Gesellschaft. Es wäre falsch zu sagen,
dass das Festhalten an der islamischen Identität einer
Verleugnung der österreichischen oder europäischen Identität
gleichkommt. Der einzige Unterschied ist, dass der Islam
einige Besonderheiten hat, so durchdringt er beispielsweise
alle Bereiche des Lebens, er regelt auch die menschlichen
Verhaltensweisen, und daraus resultiert das Problem. Einige
Menschen möchten nicht, dass der Islam in irgendeiner Weise in
Erscheinung tritt, und meinen, diese Erscheinungszeichen
stünden in grundlegendem Widerspruch zu den im Westen
herrschenden säkularen Werten. Damit widersprechen sie aber
selbst dem Prinzip der Demokratie und der Grundrechte, wie
beispielsweise Glaubens-, Meinungs- und Gedankenfreiheit.
Jeder Muslim hat das Recht, unter Beachtung der Gesetze seinen
Glauben in der von ihm gewünschten Art und Weise zu leben und
auch Gebetsstätten zu errichten. Wenn aber das
Erscheinungsbild dieser Gebetsstätten die Charakteristika
eines Gebietes verändern oder Unmut in der ansässigen
Bevölkerung wecken, besteht kein Anlass, daran festzuhalten.
Schließlich hat schon der Prophet empfohlen, stets die gute
Nachbarschaft zu beachten und sie nicht zu stören.
Die bekannten hohen
Minarettformen stammen aus einer Zeit, in der die Gebetszeiten
noch nicht festgelegt waren. In Europa ist es nicht notwendig,
so hohe Minarette zu bauen, sondern man kann auch zu anderen
architektonischen Lösungen greifen. Im Irak etwa entstanden
vor etwa 1200 Jahren krumme Minarette, das waren die ersten
Modelle, die nicht sofort als Minarett erkannt wurden, da sie
sich vollständig vom gängigen Erscheinungsbild unterschieden.
4.
Was die Muslime tun
sollten
Den Muslimen in Europa
sind durch den Islam einige Pflichten gegenüber der
Gesellschaft, in der sie leben, auferlegt. Jaafar as-Sadiq,
der sechste Imam der Schiiten, empfahl, im Umgang mit
Andersgläubigen großmütig zu sein und keine Feindschaft zu
hegen. Sie sollten bestrebt sein, ein Gleichgewicht zwischen
der islamischen Identität und den staatsbürgerlichen Pflichten
zu schaffen, am Aufbau der Gesellschaft mitzuarbeiten und sich
in allen Bereichen zu engagieren. Was die Verhaltensweise der
Muslime im Westen anbelangt, so empfiehlt Großayatollah
As-Sistani, eine der führenden Autoritäten der Schiiten, den
in Europa lebenden Muslimen nachdrücklich, die Gesetze des
jeweiligen Gastlandes zu respektieren und sie nicht zu
übertreten. Er untersagt Lüge und Betrug in der Arbeitswelt,
ebenso wie das Annehmen Geldleistungen oder Hilfe, die mit
falschen Informationen erschlichen wurden, und selbst das
Schwindeln bei Prüfungen in der Schule oder
Verkehrsübertretungen.
5.
Was zu beachten ist
Das Gleichgewicht und
die friedlichen Beziehungen zwischen dem Westen und dem Islam
stützen sich im Wesentlichen auf folgende Eckpfeiler:
1.
Ausbreitung der
religiösen Toleranz, die im Islam eine Selbstverständlichkeit
ist. Die Muslime stehen Angehörigen anderer Religionen nicht
hasserfüllt gegenüber, weil sie die religiöse Vielfalt als
völlig natürliche Gegebenheit ansehen. Die meisten Religionen
der Gegenwart haben in der Vergangenheit über Jahrhunderte in
Frieden und Sicherheit mit dem Islam zusammengelebt, und es
wurde niemand gezwungen, zum Islam überzutreten.
2.
Der Ursprung der
Religionen liegt in Gott, und Er ist der Gott von Abraham,
Moses, Jesus und Muhammad. Im Koran wendet sich Gott an die
Juden und Christen mit den Worten „Oh Volk der Schrift, kommt
herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, dass wir
nämlich Gott allein dienen und nichts neben Ihn stellen“.
3.
Den Religionshetzern
muss entschieden entgegengewirkt werden, und es wäre ein
moralisches Bündnis wünschenswert, um die Welt davor zu
bewahren, sich „religiösen, sozialen und regionalen
Identitäten“ beugen zu müssen. Es braucht neue Wege, um das
Konzept der Weltbürgerschaft als Möglichkeit zur Überwindung
des gegenwärtigen Dilemmas zu festigen.
4.
Ich fordere insbesondere
die politischen Parteien dazu auf, den Islam aus dem
politischen Ränkespiel herauszuhalten, wie ich die Muslime
dazu aufrufe, ihre Gebetsstätten nicht für fragwürdige
politische Zwecke im eigenen Land zu missbrauchen. Jeder
Muslim, der sich einer politischen Partei anschließen möchte,
tut dies als österreichischer oder europäischer Staatsbürger,
und die Religion soll hier nicht auf unwissende und falsche
Weise für persönliche Zwecke instrumentalisiert werden. Der
Islam ist unser Glaube und wir wollen ihn nicht kurzsichtigen
politischen Ränkespielen opfern, um eigene Gelüste zu
befriedigen. Gleichzeitig beanspruchen aber die Muslime wie
alle anderen Bürger ihrer Staaten das Recht auf freie
Meinungsäußerung, um als Teil der islamischen Weltgemeinschaft
ihre Solidarität mit allen unterdrückten Geschwistern und
Menschen in der Welt zum Ausdruck zu bringen und sich so für
Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden in ihrem Land und in
der ganzen Welt einzusetzen. |